Boomwhackers im GU - eine ganz und gar subjektive Polemik
Verfasst: 14. Mai 2011 14:56
Auspacken und dann?
In den Kindergärten und Grundschulen unserer drei Töchter fielen sie mir immer wieder mal auf, die bunten Röhren im schwarzen Netz. Auf Anfrage hieß es jedes Mal, dass die Dinger toll und lustig seien und dass man damit nicht nur Musik machen könne, sondern auch Murmelspiele, Balancierübungen und vieles mehr. Die Kinder seien begeistert.
Warum die Sets allerdings über Monate hinweg unverändert immer am gleichen Platz hingen, sagte mir niemand. Jetzt weiß ich es.
Das Glück wollte es, dass ich als Nicht-Lehrer gebeten wurde, an der Grundschule unserer Jüngsten eine Wochenstunde mit Musik, Basteln usw. zu übernehmen. Das Publikum: Erstklässler, und zwar jeweils eine halbe Klasse. Die andere Hälfte erhält in dieser Zeit Differenzierungsunterricht bei der Klassenleiterin.
Nachdem die ersten Bastel- und Werkprojekte absolviert waren, wollte ich endlich mal was mit Musik machen. Im Rahmen meiner Vorbereitungen inspizierte ich den Musiksaal. Traumhaft! Groß und hell, neu renoviert mit duftendem Linoleumboden, ein angenehmes, durchsetzungsfähiges Yamaha-Klavier mit knackigem Bass, Schränke voller Orff-Instrumente und – welche Überraschung – ein diatonisches Boomwhacker-Set, sogar mit chromatischem Erweiterungsset, beide verstaubt und im verschlossenen Netz in der Ecke lehnend. Aha!
OK, denke ich, das ist ein Zeichen! Ich probiere das aus. Um den Schulfundus nicht auszudünnen, kaufte ich mir privat zwei Sets zum Probieren: das „normale“ diatonische und die Erweiterung nach unten in den Bassbereich.
Überraschenderweise musste ich die Sachen im Internet bestellen, obwohl wir vier große und mehrere kleine Musikgeschäfte in der Stadt haben. Keiner hat Boomwhackers vorrätig! (Ein Zeichen?)
Neugieriges Auspacken. Einige Rohre sind ein bisschen deformiert oder haben kleine Knickstellen. Davon hatte ich allerdings schon auf der offiziellen Boomwhackers-Website gelesen. Man kann die betroffene Stelle in ein Handtuch einwickeln und mit fast kochendem Wasser übergießen, dann bilden sich die Dellen zurück (Memory-Effekt von Kunststoff).
Soundcheck: Die „kurzen“ Rohre (eingestrichene c-Lage) enttäuschen. Ich weiß zwar, dass die Rohre eine Handbreit vor dem Ende einen „sweet spot“, also eine Art „kitzlige Stelle“ besitzen, wie es auf der BW-Page so schön heißt, aber es ist schon ein kräftiger Schlag auf diese Stelle nötig, damit die Luftsäule im Rohr wirklich schwingt, also tonal klingt. Bei zu wenig Elan unterscheidet sich der Sound nicht von einem Stück Holz. Mit den anderen möglichen Schlagtechniken (Rohr-Ende auf den Boden schlagen, ganzes Rohr flach auf den Boden schlagen …) kommen zu viele Obertöne hinzu, und der tonale Anteil geht unter.
Das zweigestrichene c ist bereits so kurz und damit so volumenarm, dass der Ton auch bei kräftigstem Körpereinsatz nicht viel anders klingt, als würde man einen Joghurtbecher zerdrücken.
Für Kinder sind die kräftigen Schläge auf den Handballen oder den Oberschenkel nur kurz durchzuhalten. Nach wenigen Minuten geht das Gejammer los. Eine halbwegs praktikable Alternative ist es, die Kinder hinter ihren Stühlen zu platzieren und dann auf die Stuhllehne schlagen zu lassen, über die vorher zur Dämpfung die Jacken gehängt wurden. Geht allerdings nur mit Winterjacken.
Zurück zur Musik: In den Foren für LehrerInnen und ErzieherInnen liest man euphorische Berichte: „Jeder kann sofort mitmachen“, „jeder bringt einen Ton zustande“, „die bunten Boomwhackers gefallen den Kindern von Anfang an“, „ideal, wenn man selbst wenig Musikkenntnisse besitzt“, „auspacken und Spaß haben“, …
Alles Krampf. Diese Aussagen stimmen nur dann halbwegs, wenn man ein Bündel BWs in die Runde schmeißt und die Kinder machen lässt, ohne irgendwelche Ansprüche an Metrik, Rhythmus oder gar Melodie zu stellen.
Wenn geplant ist, zumindest auf minimalem Niveau musikalische Strukturen zu realisieren, der muss sich intensiv vorbereiten und schon ein gewisses musikalisches Handwerkszeug mitbringen.
Dazu gehören vor allem Harmonie- und Akkordlehre sowie eine gewisse Fähigkeit, Melodien oder Melodiefragmente zu komponieren. Außerdem muss man die Farben und damit die Tonhöhen der Boomwhackers reflexartig erkennen und unterscheiden können, sonst kann man keine Gruppe leiten.
Hier schließt sich auch gleich das Hauptproblem an: Was und wie spiele ich mit den BWs?
Die Frage scheint banal, denn schließlich hat jedes Rohr seinen eigenen Ton, und kindgerechte Melodien für C bis c" gibt es genug.
Aber: Obwohl BWs tonale Instrumente sind, sind sie vom Charakter her perkussiv, die klingende Tonlänge ist nicht beeinflussbar. Man kennt das vom Xylophon. Langsame Melodien, die man beispielsweise beim Einstieg in das Blockflötenspiel wählen würde, sind also nicht wiederzugeben.
Das führt zum „Wie“ des Spiels. Im Handel gibt es verschiedene Notenbücher und -heftchen mit Stücken, die speziell für Boomwhackers gesetzt sind. Ich wage nicht zu behaupten, jede dieser Veröffentlichungen zu kennen, aber die, die ich angesehen habe (und das waren Dutzende!), die sind hervorragend geeignet. Allerdings nicht für den beworbenen Unterrichtseinsatz, sondern für den Fall, dass der Eimer mit dem Bioabfall mal wieder feucht am Boden ist und man irgendein Papierzeugs zum Auslegen braucht.
Es beginnt damit, dass sich jeder Autor zunächst sein eigenes, natürlich revolutionäres und natürlich praxiserprobtes und natürlich farbiges Noten- und Symbolsystem ausgedacht hat. Diese Systeme zeichnen sich sämtlich dadurch aus, dass sie mindestens dreimal so kompliziert sind wie die bewährte 5-Linien-Notation und dass sie vom jeweiligen Erfinder selbst nicht immer ganz beherrscht werden. Hinzu kommt, dass die Farbtöne im Druck ganz massiv von den tatsächlichen Rohrfarben abweichen. Das gilt insbesondere für Rot, Orange und Gelb, die zu wenig differenziert erscheinen. Einer besonders klugen Autorin war das Problem bewusst, denn ihr Werk verzichtet auf Farbdruck. Stattdessen werden die Farbnamen in Textform wiedergegeben, und zwar als Buchstabenkürzel. G steht somit für den Ton G als auch für Gelb. Gelb ist aber das E. Ein Traum.
Zu Anfang des Materials wird gern das Klettern auf der Tonleiter geübt. Wie man das eben bei Klavier oder Flöte auch machen würde. Schon allein daran merkt man, dass diese Bücher im Reagenzglas entstanden sein müssen und niemals in der Praxis getestet wurden. Boomwhackers sind nämlich anders, ganz anders. Da jedes Kind, zumindest am Anfang, immer nur ein Rohr spielen kann, muss jede Art von Tonfolge von mehreren Gehirnen, Augen und Händen zusammengebaut werden. Wer schon einmal versucht hat, eine Gruppe von Erstklässlern „durchzählen“ zu lassen (Zahlen, Buchstaben oder Wörter sequenziell sagen lassen), der weiß, dass der Letzte in der Reihe nie dran kommen würde, würde man nach jedem Fehler neu beginnen. Bei BWs kommt noch das Denken in einer weiteren Ebene hinzu, nämlich in der Dimension der Melodie.
Während meiner Vorbereitung probierte ich „Alle meine Entchen“ mit 5 befreundeten, musikalisch zumindest grundgebildeten Erwachsenen. Wir brauchten ein Dutzend Durchläufe, bis das Ergebnis aus rhythmischer Sicht mit einem Vorschulkind auf seinem Kinderklavier konkurrieren konnte.
Das Melodiespiel ist also für den Einstiegsunterricht undenkbar.
Dann eben Rhythmus und Akkorde!
An dieser Stelle zeigt sich ein weiterer immanenter Mangel: Mit einem oder zwei Sets kommt man nicht weit. In manchen Foren wird zwar naiv behauptet: „Das diatonische Basis-Set mit 8 Rohren ist schon mal toll, weil man damit 8 Kinder bestücken kann.“, aber das ist Unsinn. Aufgrund der Harmonien, die im begrenzten verfügbaren Tonraum möglich sind, bleiben einige Töne (Kinder) zwangsweise unterbeschäftigt bzw. arbeitslos. Denkbar wäre es, die „Heiligen Drei aus dem C-Dur-Land“ mehrfach auszuteilen. Leider sind die Rohre nicht einzeln erhältlich, man bräuchte also viele Sets. Ein auf youtube sehr präsenter Pädagoge und Notenbuchautor, eine Art Guru der Boomwhacker-Szene, arbeitet genau nach diesem Prinzip. Man sieht unter anderem, wie er kistenweise C-F-G-Boomwhackers vor sich stehen hat und mit diesem Material eine ganze Turnhalle voller Grundschüler in das BW-Spiel einführt. Er hält jeweils die zu schlagenden Rohre hoch, parallel spielt er Cajon. Das Ergebnis kann sich hören lassen und ist motivierend. Allerdings ist das in diesem großen Maßstab keine große Kunst, weil der unvermeidliche Anteil von Schlafmützchen, Nasepoplern und Desinteressierten einfach in der Masse untergeht. Auf den Videos sehr schön zu sehen.
Im Klassenmaßstab käme man auf eine Investition im oberen dreistelligen Eurobereich, das ist nicht zu vertreten.
Weiterhin wird oft gesagt: Gegeneinander geschlagene Rohre machen Intervalle hörbar. Nun ja, das stimmt natürlich irgendwie, aber sie machen sie nicht unterscheidbar. Wer bei einem kurzen „Boumb“ eine Terz von einer Quint unterscheiden kann, der muss ein Wunderkind sein.
Fazit: Boomwhackers erinnern mich in gewisser Weise an die Bücher des Astrophysikers Stephen Hawking, die zwar regelmäßig in den Bestsellerlisten auftauchen, die aber kaum ein Mensch tatsächlich durchliest oder gar versteht.
Boomwhackers konnten sich durch Optik und Marketing gegenüber den angestaubt wirkenden Standardinstrumenten der Mu-Früherziehung bzw. der Orff-Kiste profilieren. Gerechtfertigt scheint mir das nicht.
Ich fühle mich in meinem Urteil bestärkt, wenn ich mir das Videomaterial auf youtube dazu ansehe. Klar, man findet begeisternde Performances von erwachsenen Virtuosen und auch die oben erwähnten „Massenveranstaltungen“, und zwar nicht nur für Kinder, sondern auch zur Mitarbeitermotivation usw.
Dann findet man ein paar Blödeleien, wie etwa die als Bauarbeiter verkleideten Männer, die sich gegenseitig die Tell-Ouvertüre auf die Helme hauen. Nun ja, das ist was für ein Vereinsfest.
Was aber fehlt, sind realisierte Stückchen mit jüngeren Kindern (nicht mit Oberstufenschülern oder Musik-Leistungskurslern). Das wird wohl seine Gründe haben.
In den Kindergärten und Grundschulen unserer drei Töchter fielen sie mir immer wieder mal auf, die bunten Röhren im schwarzen Netz. Auf Anfrage hieß es jedes Mal, dass die Dinger toll und lustig seien und dass man damit nicht nur Musik machen könne, sondern auch Murmelspiele, Balancierübungen und vieles mehr. Die Kinder seien begeistert.
Warum die Sets allerdings über Monate hinweg unverändert immer am gleichen Platz hingen, sagte mir niemand. Jetzt weiß ich es.
Das Glück wollte es, dass ich als Nicht-Lehrer gebeten wurde, an der Grundschule unserer Jüngsten eine Wochenstunde mit Musik, Basteln usw. zu übernehmen. Das Publikum: Erstklässler, und zwar jeweils eine halbe Klasse. Die andere Hälfte erhält in dieser Zeit Differenzierungsunterricht bei der Klassenleiterin.
Nachdem die ersten Bastel- und Werkprojekte absolviert waren, wollte ich endlich mal was mit Musik machen. Im Rahmen meiner Vorbereitungen inspizierte ich den Musiksaal. Traumhaft! Groß und hell, neu renoviert mit duftendem Linoleumboden, ein angenehmes, durchsetzungsfähiges Yamaha-Klavier mit knackigem Bass, Schränke voller Orff-Instrumente und – welche Überraschung – ein diatonisches Boomwhacker-Set, sogar mit chromatischem Erweiterungsset, beide verstaubt und im verschlossenen Netz in der Ecke lehnend. Aha!
OK, denke ich, das ist ein Zeichen! Ich probiere das aus. Um den Schulfundus nicht auszudünnen, kaufte ich mir privat zwei Sets zum Probieren: das „normale“ diatonische und die Erweiterung nach unten in den Bassbereich.
Überraschenderweise musste ich die Sachen im Internet bestellen, obwohl wir vier große und mehrere kleine Musikgeschäfte in der Stadt haben. Keiner hat Boomwhackers vorrätig! (Ein Zeichen?)
Neugieriges Auspacken. Einige Rohre sind ein bisschen deformiert oder haben kleine Knickstellen. Davon hatte ich allerdings schon auf der offiziellen Boomwhackers-Website gelesen. Man kann die betroffene Stelle in ein Handtuch einwickeln und mit fast kochendem Wasser übergießen, dann bilden sich die Dellen zurück (Memory-Effekt von Kunststoff).
Soundcheck: Die „kurzen“ Rohre (eingestrichene c-Lage) enttäuschen. Ich weiß zwar, dass die Rohre eine Handbreit vor dem Ende einen „sweet spot“, also eine Art „kitzlige Stelle“ besitzen, wie es auf der BW-Page so schön heißt, aber es ist schon ein kräftiger Schlag auf diese Stelle nötig, damit die Luftsäule im Rohr wirklich schwingt, also tonal klingt. Bei zu wenig Elan unterscheidet sich der Sound nicht von einem Stück Holz. Mit den anderen möglichen Schlagtechniken (Rohr-Ende auf den Boden schlagen, ganzes Rohr flach auf den Boden schlagen …) kommen zu viele Obertöne hinzu, und der tonale Anteil geht unter.
Das zweigestrichene c ist bereits so kurz und damit so volumenarm, dass der Ton auch bei kräftigstem Körpereinsatz nicht viel anders klingt, als würde man einen Joghurtbecher zerdrücken.
Für Kinder sind die kräftigen Schläge auf den Handballen oder den Oberschenkel nur kurz durchzuhalten. Nach wenigen Minuten geht das Gejammer los. Eine halbwegs praktikable Alternative ist es, die Kinder hinter ihren Stühlen zu platzieren und dann auf die Stuhllehne schlagen zu lassen, über die vorher zur Dämpfung die Jacken gehängt wurden. Geht allerdings nur mit Winterjacken.
Zurück zur Musik: In den Foren für LehrerInnen und ErzieherInnen liest man euphorische Berichte: „Jeder kann sofort mitmachen“, „jeder bringt einen Ton zustande“, „die bunten Boomwhackers gefallen den Kindern von Anfang an“, „ideal, wenn man selbst wenig Musikkenntnisse besitzt“, „auspacken und Spaß haben“, …
Alles Krampf. Diese Aussagen stimmen nur dann halbwegs, wenn man ein Bündel BWs in die Runde schmeißt und die Kinder machen lässt, ohne irgendwelche Ansprüche an Metrik, Rhythmus oder gar Melodie zu stellen.
Wenn geplant ist, zumindest auf minimalem Niveau musikalische Strukturen zu realisieren, der muss sich intensiv vorbereiten und schon ein gewisses musikalisches Handwerkszeug mitbringen.
Dazu gehören vor allem Harmonie- und Akkordlehre sowie eine gewisse Fähigkeit, Melodien oder Melodiefragmente zu komponieren. Außerdem muss man die Farben und damit die Tonhöhen der Boomwhackers reflexartig erkennen und unterscheiden können, sonst kann man keine Gruppe leiten.
Hier schließt sich auch gleich das Hauptproblem an: Was und wie spiele ich mit den BWs?
Die Frage scheint banal, denn schließlich hat jedes Rohr seinen eigenen Ton, und kindgerechte Melodien für C bis c" gibt es genug.
Aber: Obwohl BWs tonale Instrumente sind, sind sie vom Charakter her perkussiv, die klingende Tonlänge ist nicht beeinflussbar. Man kennt das vom Xylophon. Langsame Melodien, die man beispielsweise beim Einstieg in das Blockflötenspiel wählen würde, sind also nicht wiederzugeben.
Das führt zum „Wie“ des Spiels. Im Handel gibt es verschiedene Notenbücher und -heftchen mit Stücken, die speziell für Boomwhackers gesetzt sind. Ich wage nicht zu behaupten, jede dieser Veröffentlichungen zu kennen, aber die, die ich angesehen habe (und das waren Dutzende!), die sind hervorragend geeignet. Allerdings nicht für den beworbenen Unterrichtseinsatz, sondern für den Fall, dass der Eimer mit dem Bioabfall mal wieder feucht am Boden ist und man irgendein Papierzeugs zum Auslegen braucht.
Es beginnt damit, dass sich jeder Autor zunächst sein eigenes, natürlich revolutionäres und natürlich praxiserprobtes und natürlich farbiges Noten- und Symbolsystem ausgedacht hat. Diese Systeme zeichnen sich sämtlich dadurch aus, dass sie mindestens dreimal so kompliziert sind wie die bewährte 5-Linien-Notation und dass sie vom jeweiligen Erfinder selbst nicht immer ganz beherrscht werden. Hinzu kommt, dass die Farbtöne im Druck ganz massiv von den tatsächlichen Rohrfarben abweichen. Das gilt insbesondere für Rot, Orange und Gelb, die zu wenig differenziert erscheinen. Einer besonders klugen Autorin war das Problem bewusst, denn ihr Werk verzichtet auf Farbdruck. Stattdessen werden die Farbnamen in Textform wiedergegeben, und zwar als Buchstabenkürzel. G steht somit für den Ton G als auch für Gelb. Gelb ist aber das E. Ein Traum.
Zu Anfang des Materials wird gern das Klettern auf der Tonleiter geübt. Wie man das eben bei Klavier oder Flöte auch machen würde. Schon allein daran merkt man, dass diese Bücher im Reagenzglas entstanden sein müssen und niemals in der Praxis getestet wurden. Boomwhackers sind nämlich anders, ganz anders. Da jedes Kind, zumindest am Anfang, immer nur ein Rohr spielen kann, muss jede Art von Tonfolge von mehreren Gehirnen, Augen und Händen zusammengebaut werden. Wer schon einmal versucht hat, eine Gruppe von Erstklässlern „durchzählen“ zu lassen (Zahlen, Buchstaben oder Wörter sequenziell sagen lassen), der weiß, dass der Letzte in der Reihe nie dran kommen würde, würde man nach jedem Fehler neu beginnen. Bei BWs kommt noch das Denken in einer weiteren Ebene hinzu, nämlich in der Dimension der Melodie.
Während meiner Vorbereitung probierte ich „Alle meine Entchen“ mit 5 befreundeten, musikalisch zumindest grundgebildeten Erwachsenen. Wir brauchten ein Dutzend Durchläufe, bis das Ergebnis aus rhythmischer Sicht mit einem Vorschulkind auf seinem Kinderklavier konkurrieren konnte.
Das Melodiespiel ist also für den Einstiegsunterricht undenkbar.
Dann eben Rhythmus und Akkorde!
An dieser Stelle zeigt sich ein weiterer immanenter Mangel: Mit einem oder zwei Sets kommt man nicht weit. In manchen Foren wird zwar naiv behauptet: „Das diatonische Basis-Set mit 8 Rohren ist schon mal toll, weil man damit 8 Kinder bestücken kann.“, aber das ist Unsinn. Aufgrund der Harmonien, die im begrenzten verfügbaren Tonraum möglich sind, bleiben einige Töne (Kinder) zwangsweise unterbeschäftigt bzw. arbeitslos. Denkbar wäre es, die „Heiligen Drei aus dem C-Dur-Land“ mehrfach auszuteilen. Leider sind die Rohre nicht einzeln erhältlich, man bräuchte also viele Sets. Ein auf youtube sehr präsenter Pädagoge und Notenbuchautor, eine Art Guru der Boomwhacker-Szene, arbeitet genau nach diesem Prinzip. Man sieht unter anderem, wie er kistenweise C-F-G-Boomwhackers vor sich stehen hat und mit diesem Material eine ganze Turnhalle voller Grundschüler in das BW-Spiel einführt. Er hält jeweils die zu schlagenden Rohre hoch, parallel spielt er Cajon. Das Ergebnis kann sich hören lassen und ist motivierend. Allerdings ist das in diesem großen Maßstab keine große Kunst, weil der unvermeidliche Anteil von Schlafmützchen, Nasepoplern und Desinteressierten einfach in der Masse untergeht. Auf den Videos sehr schön zu sehen.
Im Klassenmaßstab käme man auf eine Investition im oberen dreistelligen Eurobereich, das ist nicht zu vertreten.
Weiterhin wird oft gesagt: Gegeneinander geschlagene Rohre machen Intervalle hörbar. Nun ja, das stimmt natürlich irgendwie, aber sie machen sie nicht unterscheidbar. Wer bei einem kurzen „Boumb“ eine Terz von einer Quint unterscheiden kann, der muss ein Wunderkind sein.
Fazit: Boomwhackers erinnern mich in gewisser Weise an die Bücher des Astrophysikers Stephen Hawking, die zwar regelmäßig in den Bestsellerlisten auftauchen, die aber kaum ein Mensch tatsächlich durchliest oder gar versteht.
Boomwhackers konnten sich durch Optik und Marketing gegenüber den angestaubt wirkenden Standardinstrumenten der Mu-Früherziehung bzw. der Orff-Kiste profilieren. Gerechtfertigt scheint mir das nicht.
Ich fühle mich in meinem Urteil bestärkt, wenn ich mir das Videomaterial auf youtube dazu ansehe. Klar, man findet begeisternde Performances von erwachsenen Virtuosen und auch die oben erwähnten „Massenveranstaltungen“, und zwar nicht nur für Kinder, sondern auch zur Mitarbeitermotivation usw.
Dann findet man ein paar Blödeleien, wie etwa die als Bauarbeiter verkleideten Männer, die sich gegenseitig die Tell-Ouvertüre auf die Helme hauen. Nun ja, das ist was für ein Vereinsfest.
Was aber fehlt, sind realisierte Stückchen mit jüngeren Kindern (nicht mit Oberstufenschülern oder Musik-Leistungskurslern). Das wird wohl seine Gründe haben.